Prolog
Das erste Echo
Unter Kaels Hand gab die Eiche nach. Er zog die Finger zurück. Auf dem Leder seines Handschuhs glänzte schwarzer Schleim. Die Rinde hob sich nur langsam wieder, und in den Vertiefungen, die seine Finger hinterlassen hatten, sammelte sich Wasser. Vor zwei Tagen war der Stamm noch fest gewesen.
Kael wischte die Hand an seinem Mantel ab und lauschte. Kein Vogel. Kein Rascheln über ihm. Selbst die Fliegen fehlten, obwohl die Luft süßlich nach Verwesung roch. Zwischen den Wipfeln hing das erste Morgenlicht. Es reichte kaum bis zum Boden.
Seit Wochen ging er diese Strecke am nördlichen Saum von Nimri. Er kannte die umgestürzte Birke, den Felsen am Bach, die Stelle, an der die Wurzeln eine schmale Treppe bildeten. Heute musste er nach dem Pfad suchen. Unter seinen Stiefeln brach das Moos ein, und aus der Erde stieg der Geruch von altem Blut.
Beobachten. Berichten. Überleben. So lautete König Friedrichs Befehl. Kael würde melden, dass Nimri starb. Danach würde man ihn wieder herschicken.
Seine Finger glitten an den Gürtel. Noch immer suchten sie dort den Bernstein. Als Kind hatte er ihn in der Faust gehalten, wenn er nachts nicht schlafen konnte. Der Stein war warm gewesen. Manchmal, wenn der Wind durch die Ritzen pfiff, hatte er einen dünnen Ton von sich gegeben. Kael hatte dann den Atem angehalten, um ihn länger zu hören.
Friedrichs Männer hatten ihm den Stein vor Jahren abgenommen. Im Leder war ein dunkler Abdruck geblieben, den Kael mit dem Daumen vollständig bedecken konnte. Er tat es auch jetzt. Erst als er sich dabei ertappte, ließ er los.
Er musste zurück. Kael wandte sich um. Wo der Pfad eben noch zwischen den Farnen verlaufen war, glänzte schwarzes Wasser. Es quoll aus dem Boden, ohne zu fließen. Ein Farnstängel neigte sich hinein und sank lautlos weg. Er hob den Fuß, setzte ihn nicht ab. Unter dem Laub vor ihm bewegte sich etwas.
Kael zog den linken Handschuh mit den Zähnen aus. Für einen Augenblick sah er zwischen den Stämmen hindurch, als könnten dort Männer des Königs stehen. Achtzehn Jahre hatten genügt, um ihm diesen Blick anzugewöhnen. Auf Magie stand der Tod.
Er kniete sich an die trockene Seite des Felsens, schob das Laub fort und spuckte in die Erde. Mit dem Daumen verrührte er sie zu einer Paste. Die erste Linie auf seinem Handteller geriet schief. Er wischte sie fort und begann noch einmal. Seine Großmutter hatte seine Finger damals einzeln aufgefaltet. Nicht so fest, hatte sie gesagt, du musst die Hand offen lassen.
Kael zeichnete die Rune des Blicks zu Ende. Die feuchte Erde wurde schwarz. Schmerz fuhr ihm durch die Hand und bis in den Ellbogen. Er sog Luft ein, aber der nächste Atemzug blieb flach. Bittere Fäulnis legte sich auf seine Zunge.
Wenn der Wald krank ist, wird der Blick dich schneiden. Er erinnerte sich zu spät an diesen Teil ihrer Warnung.
Unter der Rinde der Eiche pochte etwas. Dunkle Adern zogen sich durch das Holz, verschwanden im Boden und liefen unter seinen Füßen weiter. Kael hob die brennende Hand. Überall zwischen den Stämmen antwortete derselbe langsame Schlag. Auch hinter ihm. Auch dort, wo der Wald noch grün aussah. Das kranke Holz vor ihm war nur der Rand gewesen.
Ein Knall riss ihn herum. Kael warf sich zur Seite. Die Wurzel traf den Felsen, an dem eben noch sein Kopf gewesen war, und sprengte Stein aus der Kante. Er rollte über die Schulter, bekam das Schwert frei und kam auf ein Knie.
Etwas Schwarzes glitt auf sein Bein zu. Er hieb danach. Die Klinge fuhr hindurch und schlug tief in die Erde. Kael riss an ihr. Die Schwärze legte sich bereits um seinen Stiefel. Er presste die offene Hand dagegen. Die Rune flammte auf. Ein schriller Laut ging durch ihn, und der Griff um seinen Knöchel löste sich. Kael zog das Schwert aus dem Boden und wich zurück. Seine linke Hand ließ sich kaum noch schließen. Unter den Nägeln war die Haut grau geworden.
Zwischen den Stämmen sammelten sich weitere Schatten. Er hob die Hand, bevor sie ihn erreichten, und diesmal wich er vor dem Schmerz nicht aus. Das Zeichen brannte weiß auf. Die Schwärze zog sich zurück, doch mit ihr schien auch etwas aus seinem Körper zu gehen. Seine Knie gaben nach. Er lehnte am Felsen und wartete, bis er wieder Luft bekam.
Die Wurzeln lagen still. Nichts griff nach ihm. Kael hielt das Schwert mit beiden Händen vor sich, weil eine allein nicht mehr genügte.
Dann trat der Wolf zwischen den Weiden hervor. Er war zu groß. Sein Rücken reichte bis an die tiefen Äste, und unter dem verkrusteten Fell glomm dunkles Rot. Teer tropfte aus seinem Maul. Wo er das Laub berührte, kräuselte sich Rauch.
Kael suchte einen Weg am Felsen vorbei. Zwischen den Stämmen entdeckte er eine Lücke. Noch ehe er den ersten Schritt machen konnte, wandte der Wolf den Kopf dorthin.
Ein Wimmern begann. Kael hörte es hinter den Augen, so nah, dass er die Zähne zusammenbiss. Der Wolf stand reglos. Seine roten Augen ließen ihn nicht los. Kael wollte das Schwert höher heben. Die Spitze schabte über Stein.
Da sprang der Wolf. Kael riss die linke Hand hoch. Aus allem, was seine Großmutter ihn gelehrt hatte, blieb ihm ein einziges Wort. Leben. Er wusste noch, wie man es sprach. Verá. Seine Lippen öffneten sich.
»Nâth.« Kael hörte seine eigene Stimme und versuchte, den Mund zu schließen. Seine Zunge lag schwer und fremd hinter den Zähnen, und dann traf ihn der Körper des Wolfes.
Sein Hinterkopf schlug auf den Boden. Das Schwert glitt fort. Eine Pranke drückte auf seine Brust, die andere auf seinen Arm. Kael bekam keine Luft. Über ihm öffnete sich das Maul, doch die Zähne kamen nicht näher. Stattdessen atmete etwas in ihm ein. Seine Brust hob sich gegen das Gewicht. Luft füllte seine Lungen. Er hätte schreien können. Sein Körper atmete wieder aus. Kael lag darunter und konnte nichts daran ändern.
Bilder drängten sich vor den Wald. Schwarzes Feuer an hohen Fenstern. Ein zerbrochener Thron. Gesichter, deren Münder sich bewegten, ohne dass jemand sie hörte. Dazwischen ein Schmerz, der nicht sein eigener war. Jemand hatte vertraut. Jemand hatte um Hilfe gerufen. Dann war da nur noch Zorn.
Kael krallte die freie Hand ins Laub. Eine Wurzel lag unter seinen Fingern, rau und fest. Er hielt sich daran, während die Bilder durch ihn gingen. Er versuchte, sich den Pfad vorzustellen. Die umgestürzte Birke. Den Bach. Den Weg, den er zurückgehen musste.
Eine Frauenstimme fand ihn. Sie klang wund, beinahe heiser. Nâth-in. Er verstand sie, obwohl niemand ihn diese Sprache gelehrt hatte. Mein Besitz.
Kaels Griff wurde schwächer. Er spürte jeden Finger einzeln von der Wurzel gleiten und konnte keinen mehr schließen. Zugleich ließ der Schmerz nach. Endlich genug Luft. Kein Brennen mehr in der Hand. Etwas in ihm gab erschöpft nach, und er schämte sich für die Erleichterung, noch während er vergeblich versuchte, sich festzuhalten. Süßer Jasmin drang durch den Geruch fauler Erde.
Kael wollte Nein sagen. Sein Mund blieb offen für den nächsten Atemzug.
